Berlin Tag und Nacht

Berlin Tag und Nacht

Mittwoch/ Donnerstag, 03. bis 04. September 2014

Am Mittwoch ging es für mich früh morgens wieder in den Flieger: Von Barcelona zurück nach Berlin, wo ich zwei Tage lang zwei 10er Klassen begleiten sollte. Dieses Mal verlief alles nach Plan: Pünktlich gelandet, ab in den Bus, schnell nach Hause den Koffer abwerfen und weiter zum nächsten Treffpunkt: Dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas neben dem Brandenburger Tor. Dort angekommen, lauschten die Schüler aus Schwelm schon interessiert einer Stiftungsmitarbeiterin, die viele spannende Details zur Planung, Architektur und Geschichte des Stelenfeldes am Tiergarten auf Lager hatte, die sogar ich als Wahl-Berlinerin noch nicht kannte. Eine Sache, die sich durch die nächsten zwei Tage ziehen sollte. Einmal Tourist in der eigenen Stadt spielen, das hatte ich zuletzt kurz nach meinem Umzug von Dortmund nach Berlin gemacht.

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Nach einem kurzen Rundgang über das Stelenfeld, ging es runter in den Keller. „Moment mal… Keller?“ dachte ich, denn was ich auch nicht wusste, ist dass sich unter dem Denkmal ein Museum befindet: Der Ort der Information. Hier erfahren die Klasse und ich mehr über die Menschen, die im Holocaust ums Leben gekommen sind, wir lesen letzte Briefe von Opfern, hören Namen und Biografien von Ermordeten, lernen etwas über Konzentrationslager und jüdische Familien. Das Ganze geht uns ziemlich nahe und so schaue ich nicht nur in sehr bedröppelte Gesichter, sondern bin auch selbst den Tränen nah, als wir uns wieder auf den Weg an die Oberfläche machen. Dieser Ort ist einer der wenigen Plätze an dem Geschichte wirklich ins Bewusstsein gerät und sich dort verankert. Für uns war das viel mehr wert als die trockenen Seiten eines Geschichtsbuches.

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Am Abend stand noch etwas auf dem Plan, was ich noch nie gemacht hatte: Das Berliner Hard Rock Café. Dort traf ich auf die 10. Klasse der Regionalschule Brunsbüttel und wir lernten uns bei Cheeseburgern klassisch untermalt mit Musikvideos von Van Halen und den Simple Minds kennen. Ich ließ ich mich vom Klassenlehrer Herrn Magritz überreden die Gruppe noch zum Reichstag zu begleiten. Dort sollte es eine Filmvorführung zur Geschichte des Reichstages geben. Was für mich zunächst wenig spannend klang, entpuppte sich als totaler Geheimtip. Auf der modernen Fassade des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses fand eine halbstündige Multimediapräsentation statt. Filmsegmente, O-Töne, Animationen, Lichtshow und Musik führten uns auf spektakuläre Weise durch die verschiedenen Jahrzehnte und endete mit einem Song von Tim Bendzko, der „Nur noch kurz die Welt retten“ wollte und mich als Ohrwurm auf meinem Weg bis ins heimische Bett begleitete.

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Am nächsten Tag traf ich die Klasse wieder am Check-Point-Charlie zu einem kurzen Rundgang durch das dortige Museum. Ein bisschen überladen und chaotisch zeigt das Museum die Geschichte der Mauer, erzählt von Fluchtversuchen über Land und Wasser und rundete den Geschichtlichen Teil der Klassenfahrten optimal ab. Denn an diesem letzten Tag hieß es für beide Klassen erst einmal eines: Zeit zur freien Verfügung! Das hieß für die Klasse aus Schwelm vor Allem eins: Shopping! Das kann man in der Hauptstadt ja bekanntlich ziemlich gut und die Outfits für die am Abend stattfindende Schülerdisco mussten ja schließlich auch noch gefunden werden.

In der Sunshine House Jugendherberge am Innsbrucker Platz waren die Vorbereitungen auf den Abschlussabend schon im vollen Gange. Glätteisen, Mascara und jede Menge Haarspray bei den Mädels und essentielle T-Shirt-Entscheidungen zu lautem Hip Hop bei den Jungs, bis es zwei Stunden später in Richtung Warschauer Straße gehen konnte. Die Schülerdisco findet mehrmals die Woche im dort ansässigen Matrix statt, das jedem, der einen Fernseher besitzt, aus „Berlin Tag und Nacht“ natürlich ein Begriff ist. Ich habe keinen und stieß auf totales Unverständnis, als ich zusätzlich auch noch offenbarte, dass ich in 4 Jahren Berlin noch nie im Matrix war. „Warum denn nicht?“ Ja warum eigentlich nicht?

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Ich traute meinen Augen kaum, als ich bereits um kurz nach 8 Uhr abends in einen bis unter die Pfannen mit Leuten gefüllten Club trat, in dem schon jetzt eine Bombenstimmung herrschte, und das ganz ohne Alkohol. Etwas, das selbst mitten in der Nacht in Erwachsenendiscos im Berliner Nachtleben sehr selten gesehen ist. Vielleicht ist das Ganze einem System zu verdanken, dass ein bisschen an das Småland bei Ikea erinnert: Die Schüler feiern auf mehreren Floors ganz ungestört, während die Lehrer sich in einem abgetrennten Bereich befinden und ganz unter sich sind – Fast ein bisschen wie das Bällebad, nur umgekehrt.

 

Zwei Stunden später sah ich in verschwitzte, aber glückliche Gesichter, denn alle, auch die Schüchternsten hatten sich auf die Tanzfläche begeben. Für mich hieß es Abschied nehmen von den Schülern aus Schwelm, bevor ich losrannte um meine Bahn in Richtung Neukölln zu erreichen.

Nina Hüpen-Bestendonk

Reisebloggerin & Grafikdesignerin

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