Überstunden an deutschen Schulen – Tipps für gestresste Lehrer

Überstunden an deutschen Schulen – Tipps für gestresste Lehrer

Lehrer haben vormittags immer recht und nachmittags immer frei – so lautet ein gängiges Vorurteil. Dabei zeigen Studien seit vielen Jahren, dass viele Pädagogen an deutschen Schulen chronisch überlastet sind und regelmäßig Überstunden machen. Damit müsse endlich Schluss sein, finden Lehrer in Niedersachsen und verklagen ihren Arbeitgeber, das Land, wegen Verletzung der Fürsorgepflicht. Wir verraten, was es mit der Klage auf sich hat, wie viele Überstunden Pädagogen laut Studien tatsächlich machen und was Lehrer gegen Überarbeitung unternehmen können.

Lehrer verklagen das Land Niedersachsen

Ulrike Nötel-Duwe müsste sich wegen der hohen Arbeitsbelastung an ihrer Schule kaum noch Gedanken machen. Die Leiterin einer Grundschule in Hannover wird in einigen Monaten pensioniert. Trotzdem verklagt sie zur Zeit gemeinsam mit neun niedersächsischen Kollegen das Land Niedersachsen vor dem Verwaltungsgericht Hannover. Sie möchte, dass es Pädagogen in Zukunft besser geht als ihr: 55 Stunden arbeitet die Grundschullehrerin laut eigener Aussage pro Woche, um ihr Arbeitspensum zu schaffen. Dabei ist für Lehrer wie auch für andere Beamte eine Wochenarbeitszeit von 40 Stunden vorgesehen. Da das Land seit Jahren nichts gegen die hohe Arbeitsbelastung vieler Pädagogen unternehme, gehen Nötel-Duwe und neun weitere Lehrkräfte gerichtlich gegen das Land Niedersachsen vor und werden dabei von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW) unterstützt.

Auf die Klage der Lehrer reagiert der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) bislang verhalten. Im Gespräch mit dem Radiosender NDR1 Niedersachsen sagte er zwar, dass er unabhängig von der Klage mit Lehrern über das Thema Arbeitszeit sprechen wolle. Da aktuell jedoch Lehrermangel herrsche, warnte er vor zu großen Erwartungen, da eine Entlastung von Lehrern zu verstärktem Unterrichtsausfall führen würde.

So viele Überstunden machen Lehrer

Da an vielen Schulen Lehrermangel herrscht, leiden viele Lehrer an Überlastung.

Wie viele Überstunden Lehrer machen, hängt natürlich von der Schulform und den Unterrichtsfächern jedes einzelnen Pädagogen ab. Allerdings zeigen verschiedene Studien unabhängig voneinander, dass Lehrer durchschnittlich viele unbezahlte Überstunden leisten. Die Gewerkschaft GEW hat bereits in den Jahren 2015/16 mit Verweis auf eine Befragung von 2900 Lehrkräften gezeigt, dass Lehrer an Gesamtschulen im Schnitt 46 Stunden und 42 Minuten wöchentlich arbeiten. Grundschullehrer kommen laut der Studie auf 47 Stunden und 58 Minuten, während Gymnasiallehrer sogar 49 Stunden und 43 Minuten pro Woche arbeiten.

Dass sich an der Überlastung von Pädagogen seitdem nichts geändert hat, zeigt eine neue Erhebung der Universität Göttingen, die im Januar 2018 vorgestellt wurde. Dort haben die Sozialwissenschaftler Frank Mußmann und Thomas Hardwig im Auftrag der Max-Trager-Stiftung und der GEW 20 Studien aus sechs Jahrzehnten zum Arbeitspensum von Lehrern vergleichen und neu ausgewertet. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Pädagogen an allen drei Schulformen durchschnittlich 48 Stunden und 18 Minute pro Woche arbeiten. Auf der Internetseite der Uni heißt es dazu:

Zum Abbau von bekannten quantitativen und qualitativen Belastungen sind deutliche arbeitspolitische Maßnahmen erforderlich. Arbeitszeitpolitik von Lehrkräften darf sich aber auch nicht auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen beschränken, sondern muss ebenso die Möglichkeiten gesundheitsförderlichen Verhaltens und verantwortlicher Arbeitsteilung in den Schulen mit in den Blick nehmen.

Dass Lehrer während des Schuljahrs viele Überstunden leisten, ist keine Überraschung. Doch haben sie dafür nicht 15 Wochen pro Jahr Ferien? Das stimmt nur in Teilen, denn tatsächlich arbeiten viele Lehrer auch während der Ferien. Wenn nicht gerade Konferenzen anstehen, müssen viele Pädagogen in der freien Zeit Unterricht vorbereiten oder an Konferenzen teilnehmen. Zudem müssten Lehrer rein rechnerisch nur 46 Stunden und 38 Minuten wöchentlich in der Schulzeit arbeiten, um über das gesamte Jahr verteilt ihr Soll von 40 Stunden zu erfüllen – vorausgesetzt, dass sie in den Ferien keine Minute lang arbeiten. Auch unter Einberechnung der vermeintlich langen Ferien machen Lehrer also regelmäßig unbezahlte Überstunden. Nicht zu vergessen die Klassenfahrten, auf denen Lehrer praktisch im 24-Stunden-Dienst sind und für die sie oftmals keine angemessene Reisekostenerstattung erhalten.

Tipp
Wie Pädagogen ihre Ferien tatsächlich verbringen, verrät ein Lehrer in der Süddeutschen Zeitung.

Gestresste Lehrer – gestresste Schüler

Dass Lehrer zu viel arbeiten ist ihr Problem – könnte man meinen. Kanadische Forscher haben bei einer Untersuchung von rund 400 Schulkindern im Alter von acht bis 13 Jahren an 13 Schulen jedoch herausgefunden, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen gestressten Schülern und dem Burnout-Risiko von Lehrern gibt. Wodurch diese Korrelation genau hervorgerufen wird, ist noch unklar. Plausibel ist jedoch, dass Burnout-gefährdete Lehrer gegenüber ihren Schülern strenger sind und sich diese dadurch gestresst fühlen. Ein hoher Stresspegel der Schüler könnte wiederum den Arbeitsalltag der Pädagogen erschweren.

Tipp
Die gesamten Ergebnisse der Forscher von der University of British Columbia in Vancouver gibt es hier.

Präventionsmaßnahmen gegen einen „Lehrer-Burnout“

Gegen Stress im Job können Lehrer etwas tun – sich zum Beispiel weniger selbst unter Druck setzen.

Da sich Lehrer oftmals ausgebrannt fühlen, ist in der Fachliteratur immer wieder von einem „Lehrer-Burnout“ die Rede. Doch was können gestresste Lehrkräfte tun, damit es gar nicht erst so weit kommt?

Ein erster Schritt auf dem Weg zu weniger Stress im Berufsalltag ist es, sich sein Problem einzugestehen. Viele Pädagogen möchten für ihre Schüler möglichst alles richtig machen und merken dabei nicht, dass sie ihre Kräfte aufzehren. Der Lehrer und Autor Harald Haider, der das Buch „Burnout-Prävention im Lehrerberuf“ geschrieben hat, hat vier „Autobahnen in den Burnout“ identifiziert: 1. immer alles perfekt machen zu wollen 2. immer helfen zu wollen 3. ständig idealistisch denken zu müssen und 4. immer Ja zu sagen.

Wer sich im Job gestresst fühlt, sollte also darüber nachdenken, was genau das Problem ist. Oftmals hilft es schon, die Ansprüche an sich selbst zu drosseln und die korrigierten Klassenarbeiten im Zweifelsfall etwas später zurückzugeben. Da Lehrer oft von zu Hause aus arbeiten, liegt auch hier eine entscheidende Stressquelle: Anstatt in Ruhe den Feierabend zu genießen, sitzen sie noch bis spät in den Abend hinein am Schreibtisch und bereiten den Unterricht bis ins kleineste Detail vor oder machen sich wegen fordernder Eltern Sorgen. Daher sollte sich jeder Pädagoge daran erinnern, dass Lehrer auch während des Schuljahrs einen Anspruch auf Freizeit haben. Neben der Trennung von Beruflichem und Privaten hilft es auch, im Unterricht Energie zu sparen und statt Frontalunterricht häufiger die Schüler selbstverantwortlich, zum Beispiel in Gruppen, arbeiten zu lassen. Auch der Korrekturaufwand lässt sich reduzieren – statt Klassenarbeiten immer wieder in die Hand zu nehmen, sollte das Motto gelten: „Eine Klassenarbeit – eine (tiefgründige) Korrektur anhand eines transparenten Bewertungsbogens“.

Tipp
Weitere Tipps zur Stressreduktion im Alltag gibt es hier.

Quellen und weiterführende Links

NDR: Wegen Mehrarbeit: Schulleiter verklagen Land

NDR: GEW-Studie: Lehrer arbeiten zu viel

Spektrum: Ausgebrannte Lehrer, gestresste Schüler

Süddeutsche Zeitung: Wenn 55-Wochen-Stunden die Regel sind

Uni Göttingen: Expertise Zeiterfassungsstudien in Deutschland

Fotos: Shutterstock, Flickr, Pixabay


 

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Carsten Herold

Geschäftsführer HEROLÉ Reisen

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