Medienpädagoge Philippe Wampfler: „Schulen, die Handys verbieten wollen, verpassen eine große Chance“

Smartphones, Tablets und Social Media haben in der Schule nichts verloren? Medienpädagoge Philippe Wampfler hält diese Haltung für kaum mehr durchsetzbar. Welchen Preis Schulen dafür zahlen, wenn sie sich weigern, Neue Medien in den Unterricht miteinzubeziehen, beantwortet er im Interview.
Smartphones, Tablets und Social Media haben in der Schule nichts verloren? Medienpädagoge Philippe Wampfler hält diese Haltung für kaum mehr durchsetzbar. Welchen Preis Schulen dafür zahlen, wenn sie sich weigern, Neue Medien in den Unterricht miteinzubeziehen, beantwortet er im Interview.
Blick auf Jugendliche, die ihre digitalen Medien in der Hand halten
Letzter Nächster Lesezeit 3 Min.
Portaitfoto von Philippe Wampfler

Philippe Wampfler

Philippe Wampfler ist Lehrer, Dozent für Fachdidaktik Deutsch und Medienpädagoge. Er befasst sich seit Jahren mit dem Thema Bildung und Neue Medien, veröffentlichte mehrere Bücher und bloggt regelmäßig auf schulesocialmedia.com zum Thema.

Sie wurden für Ihre Bücher und Publikationen sehr gelobt, weil sie sich darin „unaufgeregt“ mit den Veränderungen, die Social Media für Lernen, Leben und Kommunikation mit sich bringen, auseinandersetzen. Kurz gesagt: In welchen Bereichen erleben Menschen die größten Neuerungen durch Social Media?  

Im Sozialen. Es ist ortsunabhängig möglich, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Das ist eine einschneidende Veränderung.

Was schätzen gerade Jugendliche an Social Media? Welche Funktionen und Plattformen werden von ihnen besonders stark genutzt?

Es hilft ihnen, Freundschaften zu unterhalten und sich mit ihren Peers zu vernetzen. Das geschieht zunehmend mit Bildern – deshalb sind Snapchat und Instagram sehr beliebt, für Gruppenkommunikation werden Chats wie WhatsApp eingesetzt. Auch ein Unterhaltungsaspekt gehört dazu – viele für Jugendliche spannende Prominente nutzen dieselben Plattformen.

Im Gegensatz zu Jugendlichen lehnen viele Erwachsene Social Media erst einmal ab. Welche Gefahren werden befürchtet? 

Erwachsene kennen die Medienarbeit Jugendlicher oft ungenügend und repetieren deshalb oft Vorurteile – etwa dass Jugendliche ihre Privatsphäre nicht schützten oder oberflächlich und asozial würden. Wer Jugendliche kennt, weiß, dass diese Gefahren überschätzt sind. Neue Medien verschnellern und intensivieren Kommunikation. Das zeigt sich auch beim Umgang mit Problemen von Jugendlichen.

Inwiefern sind diese Ängste also (un)begründet?

Die Gefahren entstehen in einem Kontext, nicht generell. Jugendliche sind nicht gleich, überhaupt nicht. So braucht es Eltern und Freunde, die gut einschätzen können, wann sich etwas verändert bei Jugendlichen.

Inwiefern beeinflusst digitale Kommunikation zwangsläufig auch Schulen und Unterricht? Ist es überhaupt noch möglich, sich den Entwicklungen zu verschließen?

Möglich ist das immer, die Frage ist, welchen Preis das hat. Schulen, die Handys verbieten wollen und nicht in den Unterricht einbeziehen, verpassen eine große Chance und müssen viel Energie in die Durchsetzung dieser Haltung stecken, die sich selten lohnt. Klar: Die digitale Kommunikation führt zu digitalem Lernen, das oft informell abläuft und bei dem mehrere Prozesse miteinander ablaufen.

Inwiefern haben Neue Medien klassischen Unterricht und klassisches Lernen bereits verändert?

Verändert hat sich eigentlich vor allem die einfache Zugänglichkeit vieler Quellen und Informationen. Klassischer Unterricht funktioniert aber noch weitgehend gleich wie vor Jahren – doch Handys begleiten ihn.

Inwiefern können die Funktionen von Neuen Medien auch lernförderlich sein und bewusst in den Unterricht und das Lernen für die Schule miteinbezogen werden?

Was junge Menschen mit Neuen Medien machen, ist immer mit Lerneffekten verbunden, nur sind diese in der Schule oft unsichtbar und für viele unbewusst. Besonders zielorientierte, produktive Aktivitäten mit Neuen Medien sind hervorragende Lerngelegenheiten.

Heutige Schüler werden auch als „Digital Natives“ bezeichnet, weil sie bereits in einer digitalen Welt aufgewachsen sind. Viele Lehrer sehen sich unangenehm mit der Situation konfrontiert, in puncto digitale Kommunikation weniger zu wissen als ihre Schüler. Wenn Lehrer nicht mehr „allwissend“ sind, welche Rolle können sie stattdessen einnehmen? 

Der Begriff der Digital Natives ist mit vielen Vorurteilen verbunden. Jugendliche verstehen Technologie nicht automatisch, weil sie jung sind – und ältere Menschen tun sich damit nicht notwendigerweise schwer oder sind reflektierter. Doch es stimmt, dass Lehrkräfte oft gehemmt sind. Der einfachste Tipp ist, Jugendlichen echte Fragen zu stellen und zuzuhören. Sie sind oft reflektierter und differenzierter, als viele denken.

Wo können Lehrer sich konkrete Anregungen und Tipps für eine Unterrichtsgestaltung holen, die Neue Medien miteinbezieht?

Bei ihren Kolleginnen und Kollegen – in fast allen Schulhäusern gibt es Profis dafür. Im Netz versammeln sie sich jeden Dienstagabend um 20 Uhr beim #edchatde auf Twitter (auch edchat.de).

Vielen Dank für das Gespräch!

Lesetipp

Weitere Informationen und Beiträge zum Thema „Digitale Medien in der Schule“, können hier nachgelesen werden.

Bildnachweis

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