Gewalt an Schulen: So können sich Lehrer wehren

Auseinandersetzungen zwischen Lehrern und Schülern hat es schon immer gegeben. Viele Pädagogen haben jedoch den Eindruck, dass das Klima an Schulen rauer geworden ist. Neben Cybermobbing gebe es auch zunehmend körperliche und psychische Angriffe auf Lehrkräfte, lautet eine weit verbreitete Meinung. Wir erklären, wie viele Fälle von Gewalt gegen Lehrer es tatsächlich gibt, welche Maßnahmen die Bundesländer vorschreiben und welche Verhaltensweisen Experten empfehlen.
Auseinandersetzungen zwischen Lehrern und Schülern hat es schon immer gegeben. Viele Pädagogen haben jedoch den Eindruck, dass das Klima an Schulen rauer geworden ist. Neben Cybermobbing gebe es auch zunehmend körperliche und psychische Angriffe auf Lehrkräfte, lautet eine weit verbreitete Meinung. Wir erklären, wie viele Fälle von Gewalt gegen Lehrer es tatsächlich gibt, welche Maßnahmen die Bundesländer vorschreiben und welche Verhaltensweisen Experten empfehlen.
So können sich Lehrer gegen Gewalt wehren
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Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse aus der Broschüre „Gewalt gegen Lehrkräfte“ des Verbands Bildung und Erziehung zusammen. Die komplette Broschüre gibt es hier.

Statistik: Gewalt gegen Lehrer

Konkrete Zahlen zu Fällen von Gewalt gegen Lehrer zu finden, ist nicht einfach. In vielen Bundesländern besteht keine oder nur eine eingeschränkte Meldepflicht, so dass viele Betroffene aus Scham lieber schweigen. Aufschluss gibt jedoch eine forsa-Umfrage unter 1.951 Lehrern an allgemeinbildenden Schulen aus dem Jahr 2016, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegeben hat.

Laut der Umfrage ist unabhängig von Geschlecht, Alter, Schulform und Bundesland mindestens die Hälfte der Befragten der Meinung, dass Gewalt an Schulen zugenommen habe. Jedoch nehmen mehr Frauen (64 Prozent) als Männer (51 Prozent) einen Anstieg der Gewalt wahr. Gleichzeitig meinen 57 Prozent der Befragte, dass das Problem weiterhin tabuisiert werde.

Besonders problematisch: Ingesamt 45 Prozent der Befragten finden, dass die Schulverwaltung nicht genug gegen Gewalt an Schulen unternimmt und sich stärker engagieren müsste. Verbreitet ist diese Ansicht besonders unter Förderschulkräften (55 Prozent der Befragten) und Grundschullehrern (51 Prozent) . Deutlich enttäuschter sind die befragten Pädagogen von ihrer jeweiligen Landesregierung bzw. dem Schulministerium: 58 Prozent der Lehrer meinen, dass das bisherige Engagement unzureichend sei.

Psychische Gewalt

Unter psychischer Gewalt versteht der VBE „alle Formen nicht-körperlicher Angriffe (…), die sich gegen das psychische Wohl des Betreffenden richten, zum Beispiel Beschimpfungen, Abwertungen und Diffamierungen, Isolation und soziale Gewalt, Mobbing, Drohungen oder Belästigungen“. Folgende Ergebnisse ergab die Umfrage zur psychischen Gewalt gegen Lehrer:

  • 55 Prozent der Lehrer haben bereits Fälle psychischer Gewalt an ihrer Schule erlebt. Die Ergebnisse variieren abhängig von der Schulform: 41 Prozent der Gymnasial-, 52 Prozent der Grundschul- und 61 Prozent der Realschullehrer berichten von derartigen Vorfällen. Am höchsten ist der Anteil an Hauptschulen (81 Prozent).
  • 23 Prozent der Befragten sind bereits selbst Opfer psychischer Gewalt geworden. Die Angriffe gehen in 63 Prozent der Fällen von Schülern aus, in 53 Prozent der Fällen auch von Eltern.
  • 91 Porzent der Angriffe waren verbaler Natur, 25 Prozent nonverbal, 16 Prozent über Dritte und 13 Prozent schriftlich.
  • 86 Prozent der Opfer von psychischer Gewalt durch Schüler haben den Vorfall gemeldet, nur 7 Prozent erstatteten Anzeige gegen den oder die Täter.

Physische Gewalt gegen Lehrer

Besonders gravierend sind Fälle von körperlicher Gewalt gegen Lehrer. Darunter fallen unter anderem Handlungen wie schlagen, schütteln, stoßen, treten, boxen oder Gegenstände werfen.

  • 21 Prozent haben bereits physische gegen Pädagogen an ihrer Schule erlebt. Während nur 9 Prozent der Lehrer an Gymnasien davon berichten, sind es 25 Prozent der Hauptschul-, 33 Prozent der Grundschul- und 56 Prozent der Förderschullehrer.
  • 7 Prozent der befragten Frauen und 3 Prozent der Männer gaben an, bereits körperlich angegriffen worden zu sein.
  • 97 Prozent der Täter waren Schüler, in 5 Prozent der Fällen waren auch Eltern beteiligt.
  • 22 Prozent der Opfer körperlicher Gewalt hätten sich von ihrer Schulleitung mehr Unterstützung gewünscht, drei Viertel waren jedoch zufrieden mit der Betreuung.

77 Prozent der befragten Lehrkräfte meinen, dass Cybermobbing gegen Lehrer in den letzten Jahren zugenommen hat. Weitere Infos zu dem Thema gibt es in diesem Herolé-Blogartikel.

Maßnahmen zur Gewaltprävention

Die forsa-Umfrage zeigt, dass die Schulen mit unterschiedlichen Maßnahmen Gewalt vorbeugen. Am häufigsten sind demnach Gespräche zum Thema (79 Prozent), Kooperationen mit der Polizei (69 Prozent) und mit multiprofessionellen Teams (41 Prozent). Sehr beliebt ist auch ein Schulkodex, den 82 Prozent der Befragten für eine sinnvolle Maßnahme halten.

Ein Schulkodex ist ein Katalog mit Verhaltensregeln, die festlegen, wie Schüler, Lehrer und Eltern einer Schule miteinander umgehen wollen. Der Vorteil eines solchen Kodex ist es, dass darin konkret festgelegt wird, welches Verhalten nicht geduldet wird. An einigen Schulen müssen alle Schüler und Lehrer einen Kodex unterschreiben.

Wie Schulen auf Gewaltfälle reagieren sollen, hängt auch maßgeblich vom jeweiligen Bundesland ab. Eine Liste mit landesspezifischen Hinweisen hat der VBE in seiner Broschüre zusammengestellt.

Im Ernstfall reagieren

Wie betroffene Lehrer im Ernstfall am besten reagieren, hängt von vielen Faktoren wie der Schulform, dem konkreten Vorfall und dem Rückhalt in der Schulleitung ab. Dominik Hoffmann, Justiziar des VBE Rheinland-Pfalz, empfiehlt Lehrern speziell im Fall psychischer Gewalt jedoch, die eigene Autorität zu wahren und Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Folgende Tipps gibt er Betroffenen außerdem:

  • Frühzeitig die Schulleitung und das Kollegium informieren und sich vergewissern, dass die Schulleitung den Lehrer unterstützt. Die Schule sollte als Einheit gegenüber Eltern und Schülern auftreten.
  • Bei gravierenden Fällen sollte die Schulsozialarbeit eingeschaltet werden, die im Konfliktfall vermitteln kann. Lehrer sollten niemals alleine an Meditationsgesprächen u.Ä. teilnehmen, sondern eine Vertrauensperson einschalten. Hoffmann (der selbst Anwalt ist) rät jedoch davon ab, einen Anwalt einzuschalten.
  • Betroffene sollten den Mut haben, über die psychischen Angriffe zu sprechen und diese offen gegenüber der Schulleitung und weiteren Vertrauenspersonen zu kommunizieren. Diese sozialen Kontakte seien ein Mittel gegen Tabuisierung.

Martin Kieslinger, Justiziar beim VBE Nordrhein-Westfalen, rät im Fall körperlicher Gewalt zu einer individuellen Beratung jedes Vorfalls. Er betont, dass Lehrer zum Beispiel nicht selbst einschreiten müssen, wenn sich zwei Schüler gegenseitig attackieren. Das gelte besonders, wenn die Lehrkraft den streitenden Schülern unterlegen sei.

Wenn ein Pädagoge einschreiten möchte oder selbst attackiert wird, darf er sich natürlich zur Wehr setzen und den Angreifer im Notfall auch wegschubsen oder festhalten. Allerdings sollte sich das Opfer in diesem Fall unbedingt Unterstützung aus dem Umfeld, insbesondere der Schulleitung, holen. Diese sollte am besten eine Ordnungsmaßnahme verhängen und bei Tätern ab einem Alter von 14 Jahren gegebenenfalls Anzeige bei der Polizei erstatten. Ein Arzt sollte unbedingt eventuelle Verletzungen dokumentieren, damit die Unfallfolgen als Dienstunfall anerkannt werden.

Wichtig ist auch, dass die Schulleitung das Gespräch mit Eltern und gegebenenfalls mit dem Jugendamt sucht. Das gilt insbesondere dann, wenn der Schüler mutmaßlich Probleme in seiner Familie hat.

Die Langfassungen der Interviews mit den beiden VBE-Experten finden sich in der Broschüre auf den Seiten 36 bis 42.

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