Lehrermangel in Deutschland: Wo ist die Not am größten?

Lehrer in Deutschland fühlen sich oftmals überlastet und leisten zahlreiche unbezahlte Überstunden. Zum Teil liegt die Mehrarbeit an zusätzlichen Aufgaben, die Pädagogen neben dem Unterricht erledigen müssen. An vielen Schulen bleiben aber auch neue Lehrerstellen unbesetzt, weil Nachwuchs fehlt. Wir erklären, wo der Lehrermangel besonders gravierend ist, welche Maßnahmen die Bundesländer bislang ergriffen haben und welche Qualifikationen Seiten- und Quereinsteiger benötigen.
Lehrer in Deutschland fühlen sich oftmals überlastet und leisten zahlreiche unbezahlte Überstunden. Zum Teil liegt die Mehrarbeit an zusätzlichen Aufgaben, die Pädagogen neben dem Unterricht erledigen müssen. An vielen Schulen bleiben aber auch neue Lehrerstellen unbesetzt, weil Nachwuchs fehlt. Wir erklären, wo der Lehrermangel besonders gravierend ist, welche Maßnahmen die Bundesländer bislang ergriffen haben und welche Qualifikationen Seiten- und Quereinsteiger benötigen.
Wer schon in der Schule aktiv mitarbeitet, hat hinterher weniger Stress mit den Hausaufgaben!
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Diese Bundesländer sind betroffen

Die Süddeutsche Zeitung hat zu Beginn des vergangenen Schuljahrs eine Erhebung der unbesetzten Lehrerstellen in Deutschland durchgeführt. Ergebnis: Insgesamt 3300 Stellen blieben im Sommer unbesetzt. Besonders gravierend war der Lehrermangel in Nordrhein-Westfalen, wo sich für mehr als 2100 Stellen kein geeigneter Bewerber fand. Auch in Baden-Württemberg blieben 635 von 5100 Stellen unbesetzt – laut dem Kultusministerium fehlte Ersatz für viele pensionierte Pädagogen. In anderen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein fehlten zu Beginn des neuen Schuljahrs zwar weniger Nachwuchskräfte. Aber auch dort könnte der Lehrermangel in den kommenden Jahren stark ansteigen, wie die Bertelsmann Stiftung errechnet hat. In einer Studie aus dem vergangenen Jahr prognostizierte die Stiftung einen „Schüler-Boom“, auf den die Bundesländer nicht vorbereitet seien. Hauptursache seien eine steigende Geburtenrate sowie hohe Zuwanderungsraten. Diese demographischen Veränderungen führen nach Berechnung der Forscher dazu, dass es im Jahr 2025 an den Grundschulen 22 Prozent mehr Schüler geben könnte, als die Kultusministerkonferenz im Jahr 2013 prognostiziert hat. Nach heutigem Stand könnten daher im Jahr 2025 gegenüber heute 24.100 Grundschullehrer fehlen, wenn die Klassengröße nicht steigen soll. Einige Jahre später kommt das Problem demnach auch an weiterführenden Schulen an.

Die Ergebnisse der Bildungsstudie fasst der Bildungsexperte Dirk Zorn in diesem Video zusammen:

Bereits heute werden Lehrer zum Teil händeringend gesucht. Das gilt jedoch nicht für alle Schulformen und Lehrer: Gymnasiallehrer finden zum Teil nur schwer einen Job, während Grund-, Förder- und Gesamtschulen keinen Nachwuchs finden. Hier droht laut der GEW-Vorsitzenden Marlis Tepe eine „Abwärtsspirale“, weil der Lehrermangel zu einem erhöhten Stresspegel der Pädagogen führe, die die Schulformen daher bewusst meiden. Auch Heinz-Peter Meidinger, bis Ende des vergangenen Jahres Präsident des Deutschen Lehrerverbands, sprach gegenüber der Süddeutschen Zeitung von einem „mehrfach geteilten Lehrerarbeitsmarkt“. Nicht nur die Schulform, sondern auch die Unterrichtsfächer der Anwärter entschieden über deren Jobaussichten: Geisteswissenschaftler haben es in der Regel schwer, während sich Lehrer der sogenannten MINT-Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) und der anderen Mangelfächer wie Kunst und Latein häufig eine Stelle aussuchen können.

Auch Sachsen leidet an Nachwuchs-Mangel bei Lehrern. Das Bundesland hatte zum 1. Februar 660 Lehrerstellen ausgeschrieben und konnte von diesen lediglich 622 Stellen besetzen. Zudem seien nur 38 Prozent der neu eingestellten Lehrkräfte ausgebildete Pädagogen, berichtet die Sächsische Zeitung.

Diese Maßnahmen haben die Bundesländer ergriffen

Dass der Lehrermangel vor allem in diesen Fächern bislang noch nicht größer ausgefallen ist, liegt auch an den bisher von den Bundesländern getroffenen Maßnahmen. Viele Landesregierungen stellen inzwischen auch Quer- und Seiteneinsteiger ein oder holen pensionierte Lehrer zurück an die Schulen. Eine Übersicht von Spiegel Online zeigt, was die Bundesländer bislang unternommen haben:

Da in Baden-Württemberg Lehrer fehlen, kündigte das Kultusministerium zum neuen Schuljahr „Umverteilung“ an. Das heißt: Lehrer müssen dort aushelfen, wo die Lücken am größten sind.

Aus der Not heraus hat das bayerische Kultusministerium erwägt, Anträge auf Teilzeit und Vorruhestand nur zeitverzögert zu bearbeiten. Diese Maßnahme war offenbar doch nicht nötig. Allerdings wurden im vergangenen Jahr Bewerber mit einer Examensnote bis zu 3,5 eingestellt.

Die Hauptstadt hat mit Plakatkampagnen um zusätzliche Lehrer geworben. Außerdem hat das Kultusministerium gezielt ehemalige DDR-Lehrer angesprochen, die seit der Wiedervereinigung als Erzieher in Horten arbeiten.

Mehr als die Hälfte der Referendarstellen blieben zum neuen Schuljahr unbesetzt. Die Situation dürfte sich in den kommenden Jahren also noch verschärfen, weil der Nachwuchs fehlt.

In Niedersachsen leiden vor allem Grund-, Haupt- und Realschulen am Lehrermangel. Aus diesem Grund wurden zum vergangenen Schuljahr Gymnasiallehrer zwangsweise abgeordnet, so dass an einigen Gymnasien Arbeitsgemeinschaften und Wahlfächer ausfallen mussten.

Die frühere SPD-Regierung hat bereits viele Grundschulfächer für Seiteneinsteiger geöffnet und Einstiegsgehälter angehoben. Da trotzdem viele Grundschulstellen unbesetzt blieben, helfen hier wie in Niedersachsen Lehrer anderer Schulformen aus.

Laut  Kultusminister Ulrich Commerçon arbeiten die Grundschulen bereits am Limit. Das Land hat zum neuen Schuljahr zwar 190 neue Lehrkräfte eingestellt, kann damit aber lediglich die Gesamtzahl der Lehrer stabil halten.

Zum Beginn des neuen Schuljahrs waren im vergangenen Sommer noch Hunderte Stellen unbesetzt. Es sollen vor allem ausgebildete Lehrer angestellt werden.

Das Land hat im vergangenen Jahr bereits Versuche unternommen, Pädagogen aus der Pension zurück an die Schulen zu holen. Seit Oktober sollen Referendare bereits nach vier Wochen eigenständig unterrichten ─ zuvor galt für sie eine viermonatige Schonfrist.

Lesetipp

Bildung ist in Deutschland Ländersache. Damit zumindest gleiche Standards gewährleistet sind, muss eine Zusammenarbeit der Länder erfolgen. Gibts es trotzdem noch Unterschiede bei den Arbeitsbedingungen für Lehrer?

Seit den Sommerferien hat auch die Landesregierung Thüringens inzwischen reagiert und ermöglicht ihren Schulämtern eine flexiblere Einstellung von Lehrern: Die bislang verbindlichen Bewerbungstermine zum 30. April und 30. November fallen in Zukunft weg, so dass laufend Pädagogen eingestellt werden können. Auch Niedersachsen hat weitere Maßnahmen ergriffen und in seinem Nachtragshaushalt die Finanzierung 1000 weiterer Lehrerstellen freigegeben.

Lehrer werden ohne Lehramtsausbildung

Welche Regeln für Seiten- bzw. Querneinsteiger vorgesehen sind, hängt vom jeweiligen Bundesland ab. Grundsätzlich gilt jedoch: Wer ohne Lehrerausbildung an einer deutschen Schule unterrichten möchte, muss über einen nicht lehramtsbezogenen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss (Master oder vergleichbarer Abschluss) verfügen. Welche weiteren Anforderungen die Neulinge erfüllen müssen, hängt außerdem davon ab, ob sie einen Quer- oder Seiteneinstieg in den Schulbetrieb vollziehen:

  • Seiteneinsteiger haben nicht auf Lehramt studiert und müssen auch das Referendariat/ den Vorbereitungsdienst nicht nachholen. Eine Verbeamtung ist nicht vorgesehen. Einige Bundesländer bieten allerdings berufsbegleitende Qualifizierungsmaßnahmen an, um die neuen Lehrkräfte in ihrer Tätigkeit zu unterstützen. Laut dem Portal Career Counselling for Teachers ist ein Seiteneinstieg in Sachsen, Thüringen und Baden-Württemberg nur an Berufsschulen möglich. Bayern, Hamburg und Sachsen-Anhalt nehmen keine Seiteneinsteiger an. In allen anderen Bundesländern dürfen Seiteneinsteiger auch an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen arbeiten.
  • Quereinsteiger absolvieren vor ihrer Lehrertätigkeit das Referendariat und arbeiten nach dem zweiten Staatsexamen als voll ausgebildete Lehrer. Abhängig von ihrem Alter und dem Bundesland werden sie auch verbeamtet.

Welche Anforderungen die Bundesländer im einzelnen an Seiten- und Quereinsteiger stellen, fasst der Deutsche Bildungsserver zusammen.

Erfahrungen von Seiten- und Quereinsteigern

Wie kaum ein anderes Bundesland setzt Berlin auf Quereinsteiger, um seinen Lehrerbedarf zu decken. Dort werden Nachwuchs-Lehrer von Anfang an unbefristet angestellt und voll bezahlt. Sie müssen allerdings zunächst eineinhalb Jahre lang das Referendariat absolvieren und anschließend das Zweite Staatsexamen bestehen.

Neben den regulären Unterrichtsstunden müssen die Anwärter neun Stunden lang Seminare pro Woche besuchen, Konzepte vorbereiten und Unterrichtsbesuche ableisten. Viele Quereinsteiger reduzieren die Stundenzahl, um das Pensum überhaupt ableisten zu können, wie Spiegel Online berichtet.

Wer sich für einen Seiten- oder Querneinstieg interessiert, muss daher mit einem hohen Arbeitspensum besonders beim Berufseinstieg rechnen. Im Gegenzug locken jedoch sichere Arbeitsbedingungen und eine vergleichbar gute Bezahlung. Jedoch ist nicht jeder Hochschulabsolvent auch als Lehrer geeignet. Wer mehr über seine Eignung als Lehrer erfahren möchte, kann sich hier informieren.

Bildnachweis

  • Titelbild: Syda Productions / Shutterstock.com
  • Tafel „Lehrer gesucht“ / pixabay
  • Frau am Laptop / pixabay

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