Geld oder Freizeit für Überstunden? Wahlfreiheit für Lehrer

Sinkende Geburtenraten und eine Überalterung der Gesellschaft: Lange Zeit gingen Bildungspolitiker aufgrund des demografischen Wandels davon aus, dass an Deutschlands Schulen weniger Lehrer gebraucht würden. Inzwischen zeigen Studien, dass diese Einschätzung für die kommenden Jahre nicht mehr zutrifft: „Das Zeitalter sinkender Schülerzahlen ist vorbei. Deutschlands Schulen sehen einem Schüler-Boom entgegen.

Geld oder Freizeit für Überstunden? Wahlfreiheit für Lehrer

Sinkende Geburtenraten und eine Überalterung der Gesellschaft: Lange Zeit gingen Bildungspolitiker aufgrund des demografischen Wandels davon aus, dass an Deutschlands Schulen weniger Lehrer gebraucht würden. Inzwischen zeigen Studien, dass diese Einschätzung für die kommenden Jahre nicht mehr zutrifft: „Das Zeitalter sinkender Schülerzahlen ist vorbei. Deutschlands Schulen sehen einem Schüler-Boom entgegen.
Wahlfreiheit für Lehrer
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Mehr Geburten und hohe Zuwanderung lassen die Schülerzahlen wieder steigen“, meint beispielsweise der Bildungsexperte Dirk Zorn von der Bertelsmann Stiftung:

Da in vielen Bundesländern inzwischen ein gravierender Lehrermangel herrscht, greifen die Landesregierungen zu ungewöhnlichen Mitteln. Zuletzt beschloss die Koalition aus CDU, SPD und Bündnis 90/ Die Grünen in Sachsen-Anhalt, dass sich Lehrer ihre Überstunden künftig ausbezahlen lassen können. Kultusminister Marco Tullner erhofft sich von dieser Maßnahme, dass die freiwillige Mehrarbeit für Lehrer finanziell attraktiver werde.

Wir verraten, an welche Bedingung die neue Regelung geknüpft ist und wie die Lehrergewerkschaft GEW auf den Beschluss der Landesregierung reagiert.

Überstunden an deutschen Schulen

Viele Stellen an deutschen Schulen bleiben inzwischen unbesetzt – zu diesem Ergebnis kam eine Erhebung der Süddeutschen Zeitung zum vergangenen Schuljahr 2017/18. Die Umfrage ergab, dass sich für 3300 Stellen bundesweit kein geeigneter Bewerber fand. Besonders gravierend war der Lehrermangel demnach in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Doch auch in anderen Bundesländern ist die Personaldecke so dünn, dass viele Lehrer Mehrarbeit leisten müssen: Sobald ein Kollege durch Krankheit, aus persönlichen Gründen oder wegen einer Fortbildung ausfällt, müssen andere einspringen – und das trotz eines vollen Stundenplans. Im Ergebnis füllt sich das Überstunden-Konto einiger Lehrer immer weiter, weil sie keinen Freizeit-Ausgleich erhalten.

Weitere Informationen zum Thema Überstunden und Lehrermangel gibt es im Herolé-Blog.

Neue Regelung in Sachsen-Anhalt

Verschiedene Bundesländer versuchen bereits, der Entwicklung entgegenzusteuern und den Lehrermangel in den Griff zu bekommen. Auch Sachsen-Anhalt hat in den vergangenen Jahren verschiedene Maßnahmen ergriffen: Die Hochschulen des Landes sollen mehr Nachwuchs für den Schulbetrieb ausbilden. Kurzfristige Hilfe sollen außerdem pensionierte Lehrer leisten, die zumindest für einige Monate in den aktiven Dienst wechseln. Für Referendare gelten in Sachsen-Anhalt zudem verkürzte Schonfristen: Sie müssen mittlerweile nach vier Wochen statt vier Monaten selbstständig unterrichten.

Trotz dieser verschiedenen Maßnahmen bleibt die Situation der Pädagogen im Bundesland angespannt: Eine Anfrage der Partei Die Linke im Landtag hat ergeben, dass zwischen Januar und April dieses Jahres 240.000 Stunden ausgefallen sind. Wohl auch aus diesem Grund hat die Haseloff-Regierung  aus CDU, SPD und Grünen beschlossen, dass Lehrer zukünftig auch einen finanziellen Ausgleich für geleistete Überstunden nehmen können. Dafür muss der Landtag noch einer Änderung des Paragraphen 63 des Landesbeamtengesetzes zustimmen. In dem Gesetzestext heißt es derzeit:

Beamtinnen und Beamte sind verpflichtet, ohne Ausgleich über die individuelle wöchentliche Arbeitszeit hinaus Dienst zu tun, wenn zwingende dienstliche Verhältnisse dies erfordern und sich die Mehrarbeit auf Ausnahmefälle beschränkt. Werden sie durch eine dienstlich angeordnete oder genehmigte Mehrarbeit im Umfang von mehr als einem Achtel der individuellen wöchentlichen Arbeitszeit im Monat beansprucht, ist ihnen innerhalb eines Jahres für die über die individuelle wöchentliche Arbeitszeit hinaus geleistete Mehrarbeit entsprechende Dienstbefreiung zu gewähren.

Der Plan von Bildungsminister Marco Tullner (CDU) hatte zunächst vorgesehen, dass Lehrern die Überstunden immer ausgezahlt werden. Jetzt haben Lehrer die Wahl: Sie können weiterhin einen Freizeit-Ausgleich für ihre Mehrarbeit nehmen oder sich die Überstunden ausbezahlen lassen. In einem ersten Schritt gilt dieses Angebot jedoch nur für Extra-Stunden oberhalb der 80-Stunden-Marke. 250 Lehrer seien auf dieses Angebot inzwischen eingegangen, berichtete die Magdeburger Volksstimme. Gleichzeitig planen die Fraktionen, die Vergütungssätze für Überstunden zu erhöhen.

Freizeit-Ausgleich bleibt wichtig

Mit der Auszahlung von Überstunden an Lehrer ist Sachsen-Anhalt nicht allein. In Niedersachsen gilt eine ähnliche Regelung.  In Sachsen haben Lehrer hingegen keine Wahl: Dort werden Überstunden von Pädagogen seit dem vergangenen Jahr immer vergütet.

Der Ansatz „Geld statt Freizeit“ wird von Lehrer-Vertretern jedoch kritisch gesehen. So meint die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen-Anhalt: „Wenn Lehrer wegen Überlastung aussetzen müssen, hilft auch das zusätzliche Geld auf dem Konto nicht weiter.“ Stattdessen fordert die Gewerkschaft Arbeitszeitkonten, auf denen Überstunden langfristig angespart werden können. Auf dieser Grundlage könnten sich Lehrer nach Jahren voller Überstunden für ein Sabbatical oder einen früheren Ruhestand entscheiden.

Was Lehrer gegen Stress unternehmen können und wie ihnen Achtsamkeit im Alltag hilft, verraten wir in weiteren Herolé-Artikeln.

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